Windkraftanlage Aachen-Orsbach, Schlangenweg


Windanlage Orsbach, das "Fleißige Lieschen", 1994
© HK, www.Aachen-hat-Energie.de
Baujahr:1993
Typ:Enercon E-18
Leistung:80 kW
Nabenhöhe:32,5 m

Die Planungen für eine erste "große" Windanlage in Aachen begannen auf Initiative des Wind e.V. Aachen im Frühjahr 1990. Zu dieser Zeit waren solche Anlagen im Binnenland kaum zu sehen. 80 kW-Anlagen waren an der Küste keine völlig ungewöhnliche Erscheinung mehr, aber wie waren die Windverhältnisse in Aachen? Konnte eine Windanlage hier überhaupt energetisch und wirtschaftlich sinnvoll sein? Die "Fachleute" aus der konventionellen Energiewirtschaft hatten nur Hohn und Spott als Antwort auf diese Fragen.


Windmessung in Walheim, 1990
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In mehreren Arbeitsgruppen (Maschinentechnik, Öffentlichkeitsarbeit, Finanzierung, Standortplanung) wurden innerhalb des Wind e.V. die verschiedenen Aspekte eines solchen Projektes bearbeitet.

Eine Demonstrationsanlage sollte an einem möglichst windgünstigen Standort zeigen, dass man auch in Aachen zu akzeptablen Konditionen Strom aus Windkraft erzeugen kann.

Der Verein führte an mehreren Stellen der Stadt, von Orsbach über Eilendorf bis Walheim, Windmessungen durch. Als besonders windgünstig erwies sich der Bereich zwischen Schneeberg und Orsbach. Nun wurde mit Grundstückseigentümern und Energieversorgungsunternehmen sowie Vertretern der Stadt Aachen und des Landschafts- und Naturschutzes verhandelt mit dem Ziel, am Schlangenweg eine Windanlage zu errichten.

Der Wind e.V. organisierte eine Bürgerversammlung in Orsbach. Ein ortnaher Bauplatz wurde wegen möglicher Geräuschbelästigung der Anwohner verworfen, ein weiter von der Bebauung entfernter Standort gesucht. Hiergegen legten die Untere Landschaftsbehörde und der Landschaftsbeirat Einspruch ein: weiter als 200 m dürfe die Windanlage nicht von der Ortschaft entfernt sein. Es begann der Gang durch die Instanzen, der 2 ½ Jahre dauerte. Alle Interessen und Belange sollten beachtet werden, wobei insbesondere Landschafts- und Vogelschutz eine herausragende Rolle spielten. Umweltausschuss, Landschaftsbeirat und Bezirksregierung befassten sich wiederholt mit dem Projekt. Eine erste Baugenehmigung, die nach langem Ringen erteilt wurde, enthielt so weitgehende Auflagen, dass an eine Umsetzung nicht zu denken war. Nach Widerspruch und zähen Verhandlungen wurden erleichterte Auflagen durchgesetzt, die für die Betreibergesellschaft, die Windkraft Aachen GbR (Geschäftsführende Gesellschafter: Pia Anderer, Horst Kluttig) akzeptabel waren.

In der Zwischenzeit hatten die Mitglieder des Wind e.V. innerhalb von vier Monaten 90 Anteileigner gefunden, die die 160 Anteilsscheine zu je 1.000 DM erwarben. Die zum Bau erforderlichen restlichen 160.000 DM wurden aus Fördergeldern des Bundesforschungsministeriums und des Landes Nordrhein- Westfalen finanziert.


Ertragsdiagramm
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Am 29.12.1993 nahm die Anlage ihren Betrieb auf (Lageplan Karte), Die Anlage läuft also seit mehr als 17 Jahren. Ihre Lebensdauer geht zu Ende, worauf auch ein Großschaden im Winter 2009/2010 hindeutet (s. u). Die Anteileigner haben inzwischen das von ihnen investierte Geld und sogar einen kleinen Gewinn aus den Stromerträgen zurück erhalten, was allerdings nur deshalb möglich war, weil alle Verwaltungsarbeiten ehrenamtlich durchgeführt werden.

Die folgende Tabelle (alle Angaben in Euro) zeigt drei typische Jahresabschlüsse der Betreibergemeinschaft Windkraft Aachen GbR.

Jahresabschluss 2003 2006 2008
Einnahmen Stromverkauf   10131.07 13581.77 16824.27
  Zinsen   985.04 823.18 1300.58
  Erstattung U-Steuer 0.00 349.26 1008.46
  Summe Einnahmen 11116.11 14754.21 19133.31
 
Ausgaben Strombezug   220.26 197.92 178.55
  Wartung, Reparatur 1520.56 6783.68 2364.84
  Versicherung   846.79 794.19 899.93
  Porto   9.35 0.00 0.00
  Pacht   112.48 112.48 112.48
  U-Steuer an Finanzamt 1157.27 1393.6 4456.55
  Nebenkosten Geldverkehr 84.37 39.45 91.17
  Abschreibung f. Abnutzung 8638.35 0.00 0.00
  Summe Ausgaben 12589.43 9321.32 8103.52
 
    Überschuss -1473.32 5432.89 11029.79
    pro Anteil: -9.21 33.96 68.94

2003 wurde Verlust gemacht (9,21 € pro Anteil), vor allem wegen der noch anrechenbaren anteiligen Anschaffungskosten, 2006 gab es einen Gewinn von 33,96 € und im windreichen sowie störungs- und reparaturarmen Jahr 2008 den bisher höchsten Gewinn von 68,94 € pro Anteil. Ein Anteil entspricht 1000 DM.

In den ersten zehn Betriebsjahren waren kaum Reparaturen nötig, wenn man von der Beseitigung der üblichen Vandalismus-Schäden absieht. Im zweiten Lebensjahrzehnt nahmen die Schäden zu. 2004 musste der Generator ersetzt werden, 2006 dann der Azimut-Kranz, auf dem das Maschinenhaus dreht.

Während einer Starkwindphase im November 2009 kam es zu einem schweren Schaden, der die kleine Windanlage für fast drei Monate außer Gefecht setzte und den Weiterbetrieb der Anlage in Frage stellte. Die Witterungsverhältnisse verhinderten eine schnelle Lokalisierung des Problems, zeitweilig konnte nur unter Lebensgefahr auf dem Turm gearbeitet werden.


Kran
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Zunächst wurde ein Getriebedefekt vermutet, mit Reparaturkosten von über 40.000 Euro, was einem Totalschaden gleichgekommen wäre, denn dieser Betrag könnte in der noch zu erwartenden Lebensdauer der Anlage nicht annähernd wieder erwirtschaftet werden. Trotzdem erklärten sich viele Anteilseigner bereit, weiterzumachen und sogar zusätzliches Geld bereitzustellen, um die Reparatur zu ermöglichen. Nur wenige Gesellschafter machten Gebrauch von dem Angebot, kurzfristig aus dem Projekt auszusteigen.

Im Januar 2010 stellte sich dann heraus, dass "nur" der Generator defekt war. Erste Reparaturversuche blieben aufgrund des Winterwetters buchstäblich stecken (siehe Foto), da der Autokran nicht bis zur Windanlage vordringen konnte. Erst am 9. Februar gelang der Generatortausch, seitdem liefert die kleine Windanlage wieder Strom.

Die Reparaturkosten fielen mit 14.500 Euro günstiger aus, als anfangs erwartet. Trotzdem bleibt fraglich, ob sich diese Ausgabe noch einmal amortisieren wird.

Der Schaden im Winter 2009/10 zeigte in aller Deutlichkeit, dass die Zeit des fleißigen Lieschens am Schlangenweg abläuft. Diese älteste Windanlage der Städteregion Aachen entspricht längst nicht mehr dem Stand der Technik. Mit einer modernen großen Windanlage könnte am selben Standort sechzig Mal soviel Strom erzeugt werden. Die Windkraft Aachen GbR bereitet deshalb ein Nachfolgeprojekt vor ("Repowering").

Der Umbau der Energieversorgung hin zu 100% Erneuerbarer Energie ist ohne eine erhebliche Steigerung des Windstrombeitrags nicht möglich. Windreiche Standorte wie der am Schlangenweg, wo seit mehr als anderthalb Jahrzehnten die Windenergie konfliktfrei genutzt wird, sind dabei unverzichtbar.

 

© PA/HK, www.Aachen-hat-Energie.de, 2011